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"Vier von Babylon" Einführungsrede von Ute Bößwetter
Babylon, heute Ruinenstadt am Euphrat, uns allen bekannt durch die biblische Geschichte des Turmbaus zu Babel, war einst Kulturhauptstadt und Mittelpunkt ihres Landes. Mehrfach wurde
die Stadt von Angreifern zerstört, mehrfach wieder aufgebaut. Am prächtigsten zeigte sie sich zu Zeiten des Herrschers Nebukadnezar im 6. Jahrhundert vor Christi Geburt. Ein Vergleich Babylons zu
unser heutigen Hauptstadt liegt nahe, thematisiert wurde dies in den 90er Jahren durch den Dokumentarfilm von Hubertus Siegert "Berlin Babylon". Vier junge Berliner Künstler, die sich an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee kennenlernten, gingen von diesen Überlegungen aus, als sie sich für ihre Ausstellung in Bruckmühl den Namen "Vier von Babylon" gaben.
Julia Dorrer, Sebastian Schrader, Anton Schwarzbach und Anne Wölk, alle um die dreißig Jahre alt - drei von ihnen absolvierten ein Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee entweder im Fachbereich
Malerei oder Bildhauerei, der vierte studierte in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, kehrte aber danach in seine Heimatstadt Berlin zurück. In Malerei und Zeichnung machen sie unsere Welt, so wie sie sich
ihnen präsentiert,
zu ihrem zentralen Thema. Die Vielgestaltigkeit, mit der dies geschieht, ist dem babylonischen Sprachgewirr von einst vergleichbar. Die Künstler sehen darin jedoch nicht den traumatischen Aspekt, sondern Vielfalt als Chance. Allen vier Künstlern sei herzlich gedankt für ihre Mitarbeit, denn sie haben mir bereits im Vorfeld in zahlreichen Emails die Gedanken zu ihren Arbeiten dargelegt.
Wir haben ein Bild von Sebastian Schrader in den Eingangsbereich gehängt, ein sehr großes Bild, das die Wand dort völlig ausfüllt. Das Bild zeigt den jungen Künstler versunken in ein Spiel, ungemein konzentriert bedient
er die Konsole eines Modellhubschraubers, der über ihm kreist und nicht nur die Wände seines Zimmers, sondern auch die der Galerie zu berühren droht. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verwendete der
niederländische Kulturhistoriker Jan Huizenga zum ersten Mal den Begriff des Homo ludens, des spielenden Menschen. In seiner Theorie hob er die Bedeutung des Spiels für das Verhalten des Menschen als Individuum aber auch für
die Herausbildung von Kulturen hervor. Was sich im Bild über dem Kopf des jungen Mannes an der Zimmerdecke entlang bewegt, ist kein Spielzeug mehr, ist ein
bereits an Originalgröße angrenzendes Fluggerät, ein Rettungshubschrauber, der Einsätze zu humanitären Zwecken in der realen Welt assoziiert. Das Bild trägt den Titel "Inferno". Sebastian Schrader wurde in Berlin geboren. Er absolvierte ein Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee im Fachbereich Malerei und ist seit 2006 Meisterschüler bei Professor Liebmann. Zentrales Thema seiner Bilder ist der Mensch, der Mensch in seinen Empfindungen und Konflikten. In seinen meist großformatigen Bildern bedient er sich nur der Farbe und Leinwand, wobei die neueren Bilder sichtbar homogenere Strukturen aufweisen als die früheren, in denen die fragmentarische Gestaltung auf Collagen verweist. Sie begegnen weiteren Bildern von Sebastian Schrader im 1. Stockwerk, darunter auch zwei Bildern, die an das schwarze Quadrat von Malewitsch erinnern, nur dass Schrader dieses schwarze Quadrat jeweils am unteren Bildrand figürlich gestaltet hat.
Julia Dorrer wurde in München geboren, durchlief zunächst eine Ausbildung zur Holzbildhauerin an der Luisenschule in München und schloss dort mit der Gesellenprüfung ab. In Berlin-Weißensee folgte ein Studium der
Bildhauerei, das sie 2005 mit dem Diplom beendete. Obwohl ihre beiden Studiengänge die Bildhauerei umfassen, stellt sie sich hier in Bruckmühl mit Zeichnungen vor. Zeichnen ist für sie das Mittel, sich Erlebtes und Gesehenes
wiederholt vor Augen zu führen, im Nachhinein zu verarbeiten und zu deuten. In ihren Zeichnungen arrangiert sie die erlebten Eindrücke collageartig neu, mit den Mitteln der Überzeichnung, Verfremdung oder Fragmentierung
verändert sie den realen Erlebnishintergrund. In ihrer sehr eigenen Formensprache gestaltet sie die Bildinhalte. Dadurch jongliert die Aussage ihrer Arbeiten zwischen skurrilen und bedrohlichen Aspekten. Auf einer
Vielzahl der Zeichnungen begegnet uns der zähnefletschende Hund, der im Dachgeschoss als Plastik auf dem Boden steht und dem man durchaus zutraut, dass er zuschnappen könnte. Einst, in der griechischen Mythologie gelang es
Orpheus, durch seinen Gesang den Höllenhund Zerberus zu besänftigen. Vergleichbar dazu legt die junge Künstlerin Julia Dorrer durch ihre Zeichnungen die Dämonen des Alltags an die Leine.
Wie erkläre ich die Welt?
Welche Wahrheiten gehören zu meinem Leben? Dies sind die Fragen, mit denen Anne Wölk an ihre Arbeiten herangeht. Anne Wölk wurde als jüngste der Gruppe 1982 in Jena geboren, besuchte die Hochschule für Kunst und Design in Halle
und absolvierte ein Studium der Malerei an der Kunsthochschule in Weißensee, wo sie 2007 mit dem Diplom abschließt. Mehrere Stipendien und bereits etliche Ausstellungen begleiten ihren bisherigen künstlerischen Weg. In ihrem
großformatigen Bild führt sie uns auf beklemmende Weise das Dilemma von Wohlstand und Armut, Gesundheit und Siechtum vor. Elemente aus den immer wieder in die Diskussion geratenen Computerspielen umrahmen das grausame
Szenario.
Fremdmaterialien wie Bauschaum, Lack und Fundstücke geben der Arbeit eine dritte Dimension und steigern die Intensität der Aussage um ein weiteres. Im Dachgeschoss erschließt sie uns eine ganz andere Welt. Nach filmischen Bildvorlagen legt sie Bilder an, die zu einer Mischung aus Traumwelten und medialen Welten zusammenfließen. Die so entstandenen Malereien vereinen die Suche nach einer Darstellungsform für Begriffe wie Zeit, Raum, Horizont und Kosmos, so die Künstlerin.
Anton Schwarzbach, ebenfalls in Berlin geboren, ist gelernter Tischler und hat eine Ausbildung als Grafiker absolviert. Anschließend besuchte er die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst in der Klasse von Arno
Rink (viele von Ihnen haben das Ausstellungsprogramm unserer Galerie noch gut im Gedächtnis und werden sich erinnern, dass wir vor einigen Jahren fünf junge Leipziger Maler zeigten, die
auch die Klasse von Arno Rink besuchten). Von Leipzig aus ging Schwarzbach zu einem Studienaufenthalt nach Wien, kehrte dann vor zwei Jahren nach Berlin zurück. Bei Schwarzbach fällt die Art der Präsentation seiner Zeichnungen ins Auge, so z. B. die aufwendig wie in Türen gerahmte Zeichnung eines Sessels oder des skurril modifizierten Kartons. Auch zeichnet Schwarzbach in Serien, im ersten Obergeschoss sind zahlreiche Blätter von Gräsern und Fischen als Triptychon an der Wand installiert. In jüngerer Zeit benutzt er statt Papier und Bleistift den Computer und das Touchpad: ein Gleiten über den Bildschirm, das die geringst mögliche Materialität besitzt - ohne das Gewicht eines Blattes, eines Stiftes. Dieser weitestmöglichen Umgehung von Material entspricht auch die Art und Weise, wie Schwarzbach diese Ausdrucke - dargestellt sind Bäume - gehängt hat, ohne Rahmen, mit geringfügigen Mitteln an der Wand befestigt. Daneben werfen seine äußerst korrekt gerahmten Federzeichnungen von Regen, der auf Baumkronen fällt, die Frage auf, inwieweit Kunst einer äußeren Form bedarf. Anton Schwarzbach hat mir im Laufe unserer Email-Kontakte ein Zitat von Jean Paul Sartre gesendet, das ich an den Schluss meiner Ausführungen setzen möchte, da es die Ausstellung der Vier von Babylon und ihre Intention erhellen könnte:
"Wovor hat er Angst? Wenn man ein Ding verstehen will, stellt man sich ihm gegenüber, ganz alleine, ohne Hilfe; die ganze Vergangenheit der Welt könnte einem nicht nutzen. Und dann verschwindet es, und was man
verstanden hat, verschwindet mit ihm". Vielleicht kann man sagen, dass die Künstler ihre Bilder gegen
dieses Verschwinden von Erkenntnis und Wissen stellen. Wir in Bruckmühl wünschen Ihnen viel Erfolg auf Ihrem künstlerischen Weg.
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