Galerie Markt Bruckmühl
Galerie Markt Bruckmühl

Rudi Wach

Zeichnungen und Plastik

 

Rudi Wach ist im gleichen Maße Bildhauer wie Zeichner. In seiner künstlerischen Auseinandersetzung behandelt er in beiden Medien die Tiefenstruktur der Gestalt der Kreatur, wie sie aus mystischen Urgründen heraus wächst und gestaltungsfähig wird, sich verfeinert in höchsten Stufen geistiger und kultureller Schöpfungskraft und doch immer ungeschützt gefährdet bleibt durch den Sturz ins Nichts.

Mit so entschieden kräftig gesetzten wie nervös sich verästelnden Bleistiftstrichen und mit dem früher glatten, dann rau bewegten Gipsmodellierungen, die sich im Guss perfekt abbilden, kreist Wach seine Visionen vom Geschöpf ein: Pferd, Ziege, Stier, Tiermensch. Mensch und Körperfragment sind verstanden als geist-körperliche Existenzen, als ein vorgeburtlicher Kosmos von Gestalten und Gestaltungen.

Wachs künstlerische Methode legt gewissermaßen einen Röntgenblick, ein Echolot-Netz, ein Stakkato von CT-Schnitten über die Schemen seiner Figurenerfindungen.

In Thaur bei Innsbruck ist Rudi Wach aufgewachsen, in Mailand hat er studiert. Später arbeitete er in Paris, wo er Alberto Giacometti regelmäßig traf. Seit weit über 50 Jahren lebt und arbeitet er überwiegend in Mailand und hat in zahlreichen Ausstellungen sein Werk hauptsächlich in Italien und Österreich vorgestellt.

Er gilt dort als einer der großen Bildhauer und Zeichner unserer Zeit und wird als grandioser unzeitgemäßer Einzelgänger der Gegenwart begriffen. Viele bekannte Kunstkritiker und Essayisten, unter ihnen Lorenzo Mango, Massimo Donà, Gert Ammann, Dieter Ronte, Giorgio Bonomi, Claudio Cerritelli, Gottfried Knapp, Kristian Sotriffer und Konrad Oberhuber haben das Phänomen seiner Schöpfungen beschrieben, in zahlreichen Katalogen. Er selber hat sich freilich nicht um den Umgang mit dem Kunstbetrieb gekümmert, sondern in geradezu mönchischer Abgeschiedenheit sich lebenslang so obsessiv wie behutsam seiner künstlerischen Arbeit gewidmet.

Was den Zeichner betrifft, so entstanden mit einem energetischen Aufwand ohnegleichen und mit einer Hingabe, die sogar Rudi Wach selbst verwunderte und erschütterte, Zyklen von unfassbarer Ausgereiftheit, völlig "unzeitgemäß" als ein gelebtes und ein erlittenes Werk.

Beide Ausdrucksmittel von Rudi Wach, die Zeichnung und die Skulptur, müssen immer wieder zusammen gedacht und zusammen gebracht werden, denn sie drohen ihn - nach eigener Aussage - künstlerisch zu zerreißen. Anders als bei solch großen Bildhauern, die auch glänzende Zeichner sind, denken wir an Alfred Hrdlicka, ergänzen sich Rudi Wachs beide große Fertigkeiten nicht von selbst. Wach, der zeichnet, seit er laufen kann, misst dem Medium der Zeichnung aber in seinem künstlerischen Schaffen

mindestens den gleichen Stellenwert wie den der Skulptur zu. Zeichnen ist für ihn seine unmittelbarste Gestaltungsmöglichkeit. Der Bleistift gehorcht den leichtesten Vibrationen der Seele und ist unbestechlich. Er lässt keine Täuschungen zu, da der Strich nicht fließen kann, wenn keine Energie vom Künstler ausströmt. Seine direkten Niederschriften aus dem Innersten, oft aufgetragen im leonardischen Maßstab 1:1, umkreisen in ihren zweidimensionalen Strichen die Schichten der Gestalt und holen sie aus der Tiefe des Raumes und der Zeit. Das fokussierende Umkreisen verdichtet zuweilen die Auftragungen so stark, dass die Figuren aus den Zeichnungen herauszuspringen scheinen, eine optische Illusion, wie wir sie von den trompe-l'oeil -Effekten der manieristischen Malerei her kennen oder ihnen in der 3-D-Filmtechnik gerechneter Cyberspace-Räume begegnen.

In Wachs "Landschaft unseres Daseins", wie er seine Arbeiten benennt, verhindert die präzise Expression der zeichnerischen Konturierung den existentiellen Höllensturz ins Schwarze Loch der Energie- und Lebensvernichtung. In der Zeichnung wird von ihm ein Bekenntnis für ein neues, ein tieferes Bild des Geschöpfes abgelegt und die Frage aufgeworfen, was denn eine Figur ist und was sie will, welche Mittel sie hat und welche sie braucht, welche "Hände" sie einsetzt und welche "Füße". Tragen die Füße diese Figur noch, stehen sie noch für Verwurzelung oder reißen sie sich los von ihrer Natur? Ist es wirklich der Kopf, der für all unsere kulturellen Fertigkeiten steht oder sind es nicht vielmehr die Hände, dieses komplexeste und feinste Werkzeug des Menschen?

„Einst war ich eine Hand“ - dieser merkwürdige Titel, den Wach seiner außergewöhnlich konzentrierten Ausstellung 2010 im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum mit einem Wald von weißen Gipsmodellen und großformatigen Zeichnungen gab, stellt ein eine völlig neue und überraschende Poetik auf: die Thematisierung dieser Kunst und ihre Durchführung sind miteinander identisch. Die in sich selbst verwickelten und verschlungenen Wesen in Wachs Zeichnungen sind ins Bild gesetzt als sowohl abstrakt kubistische Formen-Konglomerate als auch gleichzeitig gegenständliche Geschöpfe-

Figurationen in höchst differenzierter Strich-, Schattierungs- und Lavierungstechnik.

Die Mehrfachkonturierung der Linien funktioniert erst einmal wie eine Unschärfe-Fotografie und löst beim Betrachter in seiner Orientierungssuche eine virtuelle Bewegung aus - damit Aufmerksamkeit für ein so dramatisches wie archaisches Geschehen: der Geburt eines Wesens aus dem Geist der Zeichnungen. Die Hände auf diesen Blättern erfassen ein Gespinst und sind es selber. Es wird gewissermaßen ein altes künstlerisches Genom unserer Existenz aufgerufen, eine Art von Existenzabdruck also von einem verborgenen fremden Wesen, das wir zwar selber sind, das aber vom

kretischen Minotaurus bis zu den Protuberanzen-Ballungen der Ungeheuer in heutigen Horrorfilmen uns in einem subkutanen Urschauer verdrängter Erkenntnis zu erschüttern vermag.

Wie der große Schöpfer aus der Rippe Adams, so trotzt der Künstler Rudi Wach der Zeichnung seine Gestaltungen ab, mit Tausenden von verbrauchten Bleistiften, mit Millionen von Linien, Bögen und Notaten auf der Leinwand in Konstrukten, als hätte eine fremde Macht seine Hand geführt. Und aus der von ihm zeichnend erfassten Hand zeigen sich in gewaltiger Schönheit die Differenziertheit und die Evolution des Lebens und der Kunst.

Mit dem Röntgenblick des Künstlers setzt Rudi Wach den Strich der Bewegungsabläufe und Verästelungen als Manifest für den von ihm als schwebend wahrgenommenen Zustand des Seins wie der Kunst. Obwohl uns Wachs Zeichnungen als Kunstkonstrukte also in eine fremde Welt zu katapultieren scheinen, wie wir sie seit Urzeiten in uns tragen, so bleiben wir dennoch unserer gegenwärtigen, realen verhaftet. Es stellt die besondere Qualität seiner Zeichnungen dar, dass sie keine eindeutigen lllusionen erzeugen, Vorstellungswelten außerhalb der Zeichnungen zwar evozieren und deren Assoziation zulassen, aber nicht abbilden. Seine Zeichnungen bedeuten gleichbleibend sie selbst, sind pure Bleistiftkreise, sind als Metamorphosen Kraftübertragungen, unter vollem Einsatz seines Körpers auf die Leinwand.

Wie sich in Wachs Zeichnungen die Choreographie eines Lebenstanzes so

organisch-gegenständlich wie anorganisch-geometrisch, je nach Perspektive,

als Bilder entfalten, wie sie sich materialisieren und im selben Maße vergeistigen, und so eine eigenständige Wesenheit erlangen als lebendige Kunstwerke bzw. als künstlerisch lebendige Geschöpfe, steht einzigartig im zeitgenössischen Kunstgeschehen da. Sie markieren in der Kunstgeschichte der Gattung Zeichnung einen denkbar hohen Rang, den sie sich in den letzten 20 Jahren erworben haben: als Zeugnis eines Künstlers, der sein Leben radikal der Kunst gewidmet hat und so kompromisslos wie tief menschlich seine Kunst zu einer Feier des Lebens geformt hat.

Der Bildhauer Rudi Wach vereinigt die beiden Sphären Tierwesen und

Menschenwesen, indem er das Tier und die Hand zusammenwachsen lässt,

zu einem einzigen, unauflöslichen Bildkörper.

Anders als das doppelgesichtige Haupt und auch der tiermenschliche Leib, die in den uns bekannten Gestaltungen die Abbildung des menschlichen Körpers zum eingrenzenden Muster genommen haben, integriert Wach die beiden Ausprägungen in eine einzige amorphe Gestalt. Diese hält ihre figurativen Auswüchse gebündelt in einem paradoxen Miteinander von Gegenständlichkeit und gegenstandsloser Wucherung. Die im Plastischen gefangene, vom Bildhauer erspürte Vibration dieses gewissermaßen

gestalten-ungestalten Körpers bringt zum Vorschein, damit zur skulpturalen Evidenz, was sonst ein vages Phantom der Fantasie geblieben wäre.

In einigen Phasen der Kunstgeschichte tauchen solche Fantasien immerwieder auf:

In der bildenden Kunst bei Hieronymus Bosch und Peter Breughel als surreale Ungeheuer, bei Alfred Kubin etwa als alptraumhafte Horrorvisionen und irritierende Toten-Landschaften, in der Literatur bei Franz Kafka in der berühmtesten seiner Erzählungen, "Die Verwandlung", der Schilderung vom übergangslos in ein Ungeziefer verwandelten Gregor Samsa. Als „Ausgeburten der Hölle" werden solche Wesen benannt, wobei völlig verdrängt scheint, dass der in die Welt heraustretende Fötus bei der Geburt den "ungestalten" Doppelkörper Mutterleib verlässt und mit dem Kappen der

Nabelschnur den Anfang des Weges zu seiner Gestalt Schicksal genommen hat.

Die Werke der größten Bildhauer unserer Kultur wie Michelangelo, Bernini, Giacometti, sind Inkunabeln dieser Beseelungen seit ihrem Ausgangspunkt, als der bildnerische Schöpferwille des Homo sapiens erkennbar wurde, seit den Höhlenmalereien, etwa von Lascaux und Chauvet. In diesen Urprägungen spielen zwei Elemente eine dominierende Rolle und sind höchst beeindruckend erfasst: das zu jagende wie zu verehrende Tier und die Hand des Menschen, als mächtigster Abdruck des Seins. Bildhauerei, die uns

immer diese Urmuster unserer Erschaffungsvorstellungen verbildlicht und verkörpert hat, musste ohne solche Beseelungen durch die Künstler letzten Endes verkommen. Das weist der Lauf der von den Griechen als dem heroischen Maßstab übernommenen und von den Römern seelenlos vergröberten, dann in Renaissance wieder  aufgegriffenen und schließlich von italienischem und deutschem Faschismus pervertierten Idealisierungen der plastischen Körperdarstellung nach. Und es ist nur konsequent, dass nach der Perfektion der gegenständlichen und der abstrakten Bildwerke von Constantin Brancusi und Alberto Giacometti der Maßstab kreatürlicher Figurin der Folge von Kubismus und konstruktivistischen, russischen und italienischen Utopie-Welten des Suprematismus und des Futurismus abgelöst wurde durch die neuen, körperlosen Medien der Fotografie, des Films, des Fernsehens und der virtuellen IT- Welten.

Sind Rudi Wachs skulpturale Bildwelten insofern eine Wiedererweckung der

ganzheitlichen Darstellungsmöglichkeiten des Kreatürlichen? Ja, es sind dies die in Gips geformten und darauf in Bronze gegossenen Partituren verfestigter Vibrationswellen der existentiellen Schwingungen des Lebens – und damit auch des Todes. Dass Geburt und Tod in solcher Weise Raum und Formung gegeben ist in Rudi Wachs Skulpturen, die jede für sich einen Aufstand und eine Auferstehung bedeuten in der Art ihrer Auftritte - das wirkt als Menetekel, aber auch als Beruhigung auf den Betrachter. Wenn wir in diesen Werken das ambivalente Memento Mori eines Sinnbildes zu erkennen glauben, das den Flug des Falken, das den Tiermenschen und die menschliche Hand als das Leben preisende Geburtsvorgänge sieht, so wird uns in diesen künstlerisch wie geistig hoch appellativen Werken von Rudi Wach eine Botschaft offenkundig - vorgetragen in einer Bildhauersprache, dieseinesgleichen sucht in ihrer handwerklichen Könnerschaft: Wachs skulpturale Interventionen vermitteln ein Urvertrauen, eine unverbrüchliche Seinsgewißheit, nämlich die der Teilhabe an der großen, immer wieder aus sich heraus gebärenden Natur: der Natura naturans.

 

 

Elmar Zorn

München, den 12. Mai 2018

 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Rudi Wach. Zeichnung und

Plastik“ in der Galerie Markt Bruckmühl am Sonntag, den 13. Mai 2018

 

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