1. Februar bis 8. März
Rede zur Ausstellungseröffnung von Fried Stammberger und F. F. Wörle
Lieber Fried Stammberger, liebe Geli Grohmann-Wörle, meine Damen und Herren:
Was wäre unsere Galerie ohne unsere künstlerischen Beiräte? Diese haben über Jahrzehnte in Absprache mit den Mitgliedern des Vorstands zusammen das jährliche Programm unserer Galerie festgelegt. Die beiden Künstler, die heute hier ausstellen, gehörten – zu verschiedenen Zeiten – dem Beirat an. Fried Stammberger in den frühen Jahren, Franz Ferdinand Wörle später, aber dann für die Dauer von ganzen 18 Jahren. Wörle hat außerdem mehrere Skulpturenwege kuratiert und den entsprechenden Künstlern nicht nur mit Rat, sondern mehr noch mit Tat beiseite gestanden. Leider ist er bereits 2020 viel zu früh verstorben, aber wir sind dankbar, dass seine Witwe seine Arbeiten zur Verfügung gestellt hat.
Lassen Sie mich der Präsentation ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe vorausstellen, das aus seinen Maximen und der Reflexion stammt. 1390 gibt es davon, Literaturwissenschaftler haben sie geordnet und durchnummeriert. Unter der Nummer 100 lautet die Formulierung: „Aber die Menschen vermögen nicht leicht, aus dem Bekannten das Unbekannte zu entwickeln. Denn sie wissen nicht, dass ihr Verstand ebensolche Künste wie die Natur treibt.“ Heute stellen wir Ihnen zwei Künstler vor, denen genau das gelungen ist: aus dem Bekannten das Unbekannte zu entwickeln. Wir präsentiern Ihnen den Maler Fried Stammberger aus Rosenheim und den Bildhauer Franz Ferdinand Wörle aus Grafing.
Fried Stammberger, der in Oberfranken geboren ist, absolvierte in den 1950er Jahren seine Lehre als Keramiker. Er hat also genau wie Wörle zuerst räumlich gearbeitet. Aber bald wurde Stammbergers Ausdrucksmittel die Malerei. Seit vielen Jahren malt er, und sein Werk umfasst immer neue Themenbereiche, „Wanderungen – Wandlungen“, „panta rhei“ oder „floral“ sind seine Themen. Letzlich aber handelt es sich um eine intensive Beschäftigung mit der Farbe, der er in all seinen Motiven nachspürt und sie zum Ausdruck bringt. Stammbergers Geschichte seiner Malerei ist eine Geschichte der Entdeckungen und Funde – für ihn selber wie für sein Publikum. Fried Stammberger hat einen weiten Weg des Findens hinter sich gebracht, und eine oftmals langwierige, vielleicht sogar verzweifelte Suche gerät in Vergessenheit, denn der Fund – das fertige Bild – ist das, was bleibt. Die Farbe ist also sein großes Lebensthema, mit ihr geht er in immer neuer, meist überraschender Weise um. Stammberger hat aus dem uns Bekannten das Unbekannte entwickelt, er hat uns seine Idee von Landschaften und Blumenbildern vermittelt, die in den genannten Themengruppen ihren Ausdruck finden. In seinem Werk treten insbesondere die Farben Rot und Grün auf, Grün als Farbe der Natur schlechthin, Rot als Möglichkeit, Blüten zu charakterisieren. Rot verwendet er besonders gerne: als die Farbe des Lebens, des Feuers und der Wärme, aber auch als das Symbol des Schutzes. Jedoch spielt auch Blau als Farbe der Vergeistigung eine wesentliche Rolle. Er trägt seine Farben – Öl auf Leinwand, Acryl auf Papier, satt auf, nimmt sie durch Verwischen und Übermalen zurück, um sie dann erneut darüber zu schichten und noch deutlicher als zuvor sichtbar zu machen. Ein Bild stellt er möglichst ohne Unterbrechung her, die Arbeiten, die er in einem Zuge gemalt hat, sind für ihn die überzeugendsten. Man hat den Rosenheimer Maler für dein Werk mit dem Seerosenpreis der Stadt München ausgezeichnet, der Weiteren mit dem Kulturpreis der Stadt Rosenheim.
Wir rufen uns erneut ins Gedächtnis: aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln.
Ein weiterer Künstler, der dafür steht, ist der Grafinger Bildhauer Franz Ferdinand Wörle. Er hat den Umgang mit unterschiedlichen Materialien erlernt und erprobt, so zum Beispiel mit Glas, Keramik und Holz, bevor er in Eisen das Material fand, in dem er seine Vorstellungen am überzeugendsten verwirklichen konnte. Sein Thema sind die strengen, geradlinigen, disziplinierten Skulpturen, denen er Bezeichnungen wie „Tor“, „Stele“ oder „Kasbah“ – Schutzhaus im nordafrikanischen Raum – mitgibt. Und davon finden Sie nicht nur in dieser Ausstellung in jedem Stockwerk einige, sondern auch seit der Eröffnung der Galerie im Jahr 1994 das „Tor II“, draußen vor dem Haus. Diese Stele hat nun bereits 32 Jahre das Galerie-Geschehen miterlebt und von Beginn an das äußere Erscheinungsbild der Galerie mitgeprägt. Wörle gestaltet innerhalb seines vorsätzlich eng gefassten Formenvorrats immer wieder neu, keine Form ist der anderen gleich. Auch wenn Skulpturen paarweise zusammengehören, so unterscheiden sie sich doch voneinander, jede besitzt ihre eigen Individualität. Und der Künstler lässt seine Werke mit Bedacht altern. Denn das ist der zweite Aspekt in seinen Arbeiten: das er seine zeitlos schlichten Arbeiten mit einer die Zeit sichtbar machenden Oberfläche versieht. So wird bei Wörle die fortschreitende Veränderung und schließlich auch Vergänglichkeit zum Thema seines Werkes. Seine Tore, Stelen und seine Kasbahs sind zu verstehen als Zeichen des Lebens und des Todes, Symbole der Ewigkeit.
Haben Sie bitte Geduld mit mir, wenn ich abschließend noch ein weiteres Mal Goethe zitiere und zwar mit der Nummer 99 aus den Maximen und Reflexionen: „Der echte Schüler lernt, aus dem Bekannten das Unbekannte zu entwickeln und nähert sich dem Meister.“
Davon, dass hier zwei Meister am Werk sind, hofft diese Ausstellung zu überzeugen.
Ute Bößwetter